Papiergeld.info

von Karl-Christian Boenke

 

serienscheine bütowVor einiger Zeit machte ich in dieser Zeitschrift auf die Veröffentlichung eines polnischen Autors, Jacek Partyka, aufmerksam, die dieser in Form eines durchaus respektablen Werkes über Notgeldscheine aus Stolp in Pommern, erweitert um Notmünzen, Briefmarkenkapselgeld sowie Verrechnungs- und sonstige Wertmarken aus dieser Stadt, vorgelegt hat (Pieniądz zastępczy Słupska 1914 - 1923).

 

Nunmehr liegt eine weitere Veröffentlichung dieses Autors vor: Zwar nicht in Buchform wie die zuvor angeführte Arbeit, sondern in Form eines eigenständigen Artikels in dem polnischen Periodikum „Biuletyn Numizmatyczny“, also einer Fachzeitschrift über Münzkunde, die offensichtlich auch über den von ihrem Titel her eigentlich enggefassten „Tellerrand" hinausblickt und sich auch artverwandten Themen öffnet. Partykas Beitrag ist dort im Heft 1 (389) 2018 unter der Überschrift „Bony Seryjne Bytowa“ naturgemäß in polnischer Sprache erschienen und befasst sich, wie der Titel auch einem der polnischen Sprache nicht kundigen Leser - wie dem Verfasser dieser Zeilen - doch leicht verrät, mit den Serienscheinen aus der deutschen Stadt Bütow im östlichsten Zipfel Pommerns. Wer sich schon einmal näher mit dieser Notgeldscheinausgabe befasst hat, vermag den Inhalt des Partykaschen Artikels durchaus zu erfassen.

 

Auch mit diesem Beitrag von Partyka liegt wieder eine detailreiche, akribisch gestaltete Ausarbeitung vor, die alle wesentlichen Merkmale dieser Ausgabe aufführt und sogar für mich als den Verfasser eines dem gleichen Sujet gewidmeten Beitrags („Die Serienschein-/Kleinscheckausgabe aus Bütow in Pommern“, in: „Münzen & Papiergeld“, Heft 3/2016, S. 123 - 126) einen Überraschungseffekt enthält, nämlich die Vorstellung eines mir bis dato nicht bekannten, mit Handunterschrift versehenen Bütower Serienscheins. Hatte ich in meinem Artikel noch behauptet, dass es solche offensichtlich nicht gebe, musste ich mich nunmehr eines Besseren belehren lassen!

 

Wie meine daraufhin angestellten Nachforschungen ergaben, verfügt der wohl vielen bekannte Serienscheinsammler Karl Zinsmeister aus Oberbayern über einen vollständigen Satz mit Handunterschrift versehener Scheine dieser Ausgabe. Es handelt sich dabei um die fünf Nominale eines Satzes auf Büttenpapier, alle Kontobuchstabe A, unterschiedliche Kontrollnummern, Unterschrift mit Tinte (Lindman Nr. 196.3).

 

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Die Scheine waren in einer Sammlung enthalten, die er bereits vor vielen Jahren erwerben konnte. Redlicherweise hat Partyka bei der Abbildung eines dieser Scheine in seinem Beitrag auch den Besitzer, eben Karl Zinsmeister, als Quelle seiner (Er-)Kenntnis angegeben.

 

Nun aber stellt sich die Frage nach der „Echtheit“ dieser Scheine. Natürlich sind die Un-terschriften „echt“ - immerhin hat sie ja „irgendein Jemand“ eigenhändig auf die Scheine gebracht; doch erlangen damit die Scheine selber „Echtheit“? Diese Frage stellt sich aus meiner Sicht grundsätzlich bei allen mit Unterschriften versehenen Scheinen, insbesondere jedoch bei den Serienscheinen, seien es handschriftliche, faksimilierte oder gestempelte Unterschriften. Schließlich lassen sich auf jeglichen nicht vom Herausgeber oder Kontoinhaber namentlich gekennzeichneten Scheinen von jedermann Unterschriften anbringen. Ich verweise hierzu als Beispiel auf meine Meldung über einen 50-Mark-Schein der Sparkasse der Stadt Belgard in Pommern in der Zeitschrift „Münzen & Sammeln“ (Heft Mai 2012 [5/2012], S. 142), der zwei gefälschte Unterschriften aufweist.

 

Nun ist sowohl durch die einschlägige Literatur (Kataloge Keller, Geiger) als auch durch die heute noch zahllos vorkommenden nicht unterschriebenen Exemplare dieses Nominals bekannt, dass es davon seinerzeit keine unterschriebenen Stücke gab. Aber was ist, wenn das doch der Fall gewesen sein sollte? Wer will absolut zweifelsfrei beweisen können, dass dem doch nicht so gewesen sein konnte? Solche Fälle lassen sich nur dann zufriedenstellend klären, wenn die Echtheit einer Unterschrift zum Beispiel durch entsprechende zeitgenössische Unterlagen (Urkunden/Schriftwechsel und so weiter) und/oder Vergleichsstücke belegt werden kann. Und das war im Falle dieses Belgarder Scheines möglich. Die beiden Unterschriften auf dem infragestehenden 50-Mark-Schein gibt es tatsächlich auf zahllosen Scheinen der anderen drei Nominale dieser Ausgabe (5, 10 und 20 Mark). Doch anhand des Unterschriftenvergleichs mit diesen ließ sich die Fälschung der Unterschriften auf dem 50-Mark-Schein belegen. Allerdings ist damit immer noch nicht geklärt, ob es nicht doch „echt“ unterschriebene 50-Mark-Scheine gab. Der mir vorliegende Schein war jedoch mit zweifelsfrei gefälschten Unterschriften „verziert“.

 

Und wie steht es damit nun bei den Bütower Scheinen? Auch dieser Fall ist ähnlich gelagert wie bei dem vorerwähnten Belgarder Schein. Ich habe bisher rund 1.200 Scheine aller Nominale dieser Bütower Ausgabe registriert und, abgesehen von den nunmehr bei Karl Zinsmeister vorhandenen fünf Exemplaren, die allesamt auch in einwandfreier Erhaltung, also unzirkuliert sind, noch kein weiteres unterschriebenes oder im entsprechenden Feld anderweitig namentlich gekennzeichnetes Exemplar entdeckt. Auch von anderer Seite liegen mir bisher keine Meldungen vor, die auf weitere unterschriebene Exemplare hinweisen. Angesichts der geschilderten Sachlage dürfte es sich bei diesen Scheinen also mit allergrößter Wahrscheinlichkeit um keine original unterschriebenen, sondern um verfälschte Stücke handeln. Aber, wie gesagt: der letzte Beweis dafür fehlt!

 

Zu den erfreulichen Aspekten zählt, dass dank des Artikels von Jacek Partyka die Existenz dieser Scheine nunmehr einer breiteren Öffentlichkeit insbesondere auch im polnischen Raum bekannt wird; ebenso überzeugt den Fachmann die akribische Arbeitsweise des Verfassers, der es allein schon aufgrund der unterschiedlichen Sprachen entschieden schwerer hat, zu einem deutschen zeitgeschichtlichen Phänomen wie den Notgeldscheinen zu forschen und zudem noch im deutschsprachigen Raum zu recherchieren, als das unsererseits der Fall wäre. Chapeau! Mehrere Tabellen, in denen zum Beispiel die Zuordnung der Kontobuchstaben zu den Kontrollnummern übersichtlich erfasst sind, ergänzen die Textausführungen. Weiter fällt positiv auf, dass Partyka es in seinem Beitrag nicht bloß bei der beidseitigen Abbildung aller fünf Grundscheine belassen hat, sondern jedem Nominal auch eine den Darstellungen auf der jeweiligen Rückseite der Scheine entsprechende Abbildung alter Ansichtskarten beziehungsweise entsprechen-der neuzeitlicher Fotografien beigefügt hat. Das lockert einen sonst doch recht nüchternen Fachartikel entschieden auf und regt vielleicht auch den einen oder anderen nicht mit diesem Thema vertrauten Leser an, sich doch einmal etwas näher mit der Geschichte der deutschen Stadt Bütow und/oder auch allgemein mit dem Thema Notgeldscheine zu befassen.

 

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Über die rein notaphilistischen Betrachtungen dieses Themas hinaus bewegen den Rezensenten angesichts der partykaschen Abhandlung allerdings zwiespältige Gefühle, die auf den geschichtlich/zeitgeschichtlichen Beziehungen zwischen dem deutschen und dem polnischen Volk fußen. Wenn ein Autor wie Jacek Partyka (und er ist beileibe nicht der einzige; erwähnt seien hier allein für den pommersch/westpreußisch/posener Raum Bogumil Sikorski mit seinem Buch über die Schneidmühler Notgeldausgaben oder Grzegorz Chmielecki mit seinem Werk unter anderem über die Rügenwalder, Kösliner und weitere kommunale Behelfsausgaben) über deutsches Notgeld schreibt - und das natürlicherweise in seiner Muttersprache - bedeutet das, dass sowohl er selber als auch zumindest ein Teil der polnischen Öffentlichkeit sich zwangsläufig mit deutscher Geschichte befassen müssen und mit der Tatsache, dass die infragekommenden Gebiete eben nicht „uraltes polnisches Land" gewesen seien, in das man 1945 endlich wieder zurückgekehrt sei („Wiedergewonnene polnische Westgebiete“), wie es die kommunistische Diktatur ihrem Volk und auch dem Ausland dekretierte, sondern dass es um Gebiete mit einer 700-jährigen deutschen Geschichte geht.

 

Das könnte durchaus auch ein Beitrag zur deutscherseits politisch so viel beschworenen deutsch-polnischen Versöhnung sein. Der Rezensent aber wird dabei immer auch schmerzlich daran erinnert, dass er 1945 aus seiner pommerschen Heimat vertrieben wurde.