Papiergeld.info

von Kai Lindman

 

kissUnser Hobby ist Geld. Vor allem in der Freizeit kreisen unsere Gedanken unaufhörlich um Banknoten, um Zahlungsmittel aller Art. Wir sind entrüstet, wenn wir von den Plänen der Banken und Regierungen lesen und hören, die am liebsten alles Bargeld abschaffen würden, weil wir glauben, ohne Geld geht es nicht. Dabei gibt es überall kleine Gruppen von Menschen, die zumindest im Umgang miteinander völlig und bewusst auf Geld verzichten und glücklich dabei sind.

 

Ich meine damit diese Gruppen, Vereine und Genossenschaften, die in Deutschland als „Tauschringe“ bekannt sind. Es handelt sich dabei um eine Art von gegenseitiger Hilfe, die in Deutschland in vielen Orten praktiziert wird, wobei die Art der Abrechnung von der Verwendung eigener Verrechnungsscheine bis zu ausschließlich computerbasierten Systemen reicht. Das Grundprinzip ist allerdings immer gleich: Man bekommt eine Dienstleistung und bezahlt sie dadurch, dass man ebenfalls einen Dienst leistet. Die aufgewendete Zeit wird erfasst und verrechnet. Ziel ist es, dass man ebensoviel Zeit opfert, wie man selbst in Anspruch nimmt.

 

In Deutschland haben diese Tauschringe meistens nur losen Kontakt zu anderen Ein-richtungen der gleichen Art, eine übergeord-nete Institution gibt es meines Wissens bei uns nicht. Anders ist das in der Schweiz. Da gibt es die KISS-Genossenschaft, die für alle Ortsgruppen zuständig ist. KISS ist eine prägnante Bezeichnung, die allerdings nichts mit dem englischen „Kuss“ zu tun hat, sondern die Abkürzung des englischen Slogans „Keep it small and simple“ ist. (Lass es klein und einfach sein.) Mittlerweile gibt es neun örtliche Genossenschaften der „KISS“ in der Schweiz, in denen Nachbarschaftshilfe gegen Zeitgutschriften angeboten wird. Das können einmalige Hilfen sein, wie beim Umzug helfen oder jemanden auf eine Reise mitnehmen. Das können auch mehr oder minder regelmäßige Hilfen sein (wie Einkaufen), die trotzdem nicht zu näheren Kontakten führen. Besonders häufig aber kommt es zu regelmäßigen Treffen von sogenannten „Tandems“, wo sich aus dem reinen Hilfsangebot schnell eine Freundschaft entwickelt hat. Wer Mitglied einer dieser Genossenschaften werden will, zahlt einen einmaligen Eintrittsbeitrag von 100 Franken, von dem die notwendigen Ausgaben der örtlichen Genossenschaften bestritten werden.

 

Das System „KISS“ funktioniert immer besser und wird langsam immer größer. Man hört fast ausschließlich positive Kommentare. Nicht umsonst ist der Wahlspruch, der dem Ganzen zugrunde liegt „Zeit macht reich“. Dieser Wahlspruch ist auch der Titel eines faszinierenden Buches, das mit Aussagen von Beteiligten und einer Reihe von ausführlichen Interviews über die Arbeit von KISS berichtet. Die glückliche Zufriedenheit, die die abgedruckten Texte ausstrahlen, lässt einen neidisch ins Nachbarland schauen und hoffen, dass man Ähnliches auch am eigenen Wohnort finden möge.

 

 

Heidi Lehner und Jürg Conzett, Zeit macht reich, 95 Seiten, 210 x 220 mm, viele farbige Fotos, ISBN 978-3-03760-045-0, 15,90 Euro