Papiergeld.info

von Kai LindmanGrabowski

 

Nun ist er da, der vermutlich letzte Band aus der Zusammenarbeit von Sammler Wolfgang Haney als Herausgeber und Autor Hans-Ludwig Grabowski. Der Untertitel sagt genau, worum es hier geht: um für politische und antisemitische Propaganda genutzte Geldscheine aus der Zeit der Weimarer Republik und des Dritten Reiches. Allerdings stellen hier die antisemitischen Texte den Löwenanteil, rein politische Propaganda ist deutlich unterrepräsentiert.

 

Aus den bisher sieben Büchern, die diesen Riesenbestand aufgearbeitet haben, ist vor allem eines für Papiergeldsammler wichtig: Grabowskis „Das Geld des Terrors - Geld und Geldersatz in deutschen Konzentrationslagern und Gettos 1933 bis 1945“ ist trotz des sperrigen Titels ein hervorragendes Buch zum Thema, das trotz einiger wohl unvermeidbarer Fehler vermutlich für lange Zeit - wenn nicht gar für immer - das Standardwerk bleiben wird. Hätte Hans-Ludwig Grabowski kein anderes Buch geschrieben, allein dieses sicherte ihm einen hervorragenden Platz unter den bedeutenden numismatischen Nachkriegsautoren.

 

Ein derartiges Buch weckt natürlich große Erwartungen für das nächste Werk, das sich bei der Aufarbeitung der Haney'schen Sammlung einem numismatischen Thema widmet. Um so größer ist dann die Enttäuschung, dass dieser Katalog seinem Vorgänger in keiner Weise das Wasser reichen kann.

 

Wie immer ist auch hier die Sammlung von Wolfgang Haney scheinbar unerschöpflich. Das gilt vor allem für das ergänzende Material, seien es nun Werbeblätter, Plakate oder Zeitungsausschnitte. Dieses Material haben die beiden dazu benutzt, um eine höchst informative Einführung in die Materie zu erstellen, die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenhänge ausführlich darzulegen und die interessierten Leser mit den Verhältnissen vertraut zu machen. Auch wenn die Einführung mit 80 – allerdings ausgiebig bebilderten - Seiten vielleicht etwas zu umfangreich geraten ist, sollte man sich die Mühe machen und sie wenigstens durchblättern und die Bildunterschriften lesen, wenn man sich nicht daran traut, sich den gesamten Text einzuverleiben.

 

Die anscheinende Unerschöpflichkeit der Sammlung gilt aber nicht für die bedruckten Geldscheine (Scheine mit Aufklebern sind leider gar nicht erwähnt!). Wie ich exemplarisch für Scheine zum Thema „Maria Reichsmark“ in diesem Heft an anderer Stelle zeige, ist hier einfach zu wenig echtes Material im Angebot, und während der Jahrzehnte, in denen die Sammlung zusammengetragen wurde, war die Konkurrenz anderer Sammler immer groß, so dass mancher Schein deshalb nicht in Haneys Alben landete.

 

Aus diesem Grund ist der Katalogteil meiner Meinung nach weniger glücklich geraten. Wie schon erwähnt, gibt es erheblich mehr Aufkleber, Abstempelungen und Aufdrucke als im Katalog angegeben. Wenn das Verzeichnis nur eine Aufstellung der in der Haney´schen Sammlung vorhandenen Scheine sein soll, dann ist das in Ordnung. Zwar wird an keiner Stelle behauptet, dass das Werk ein allumfassender Katalog sein soll, aber mit der ganzen Aufmachung wird dieser Eindruck erweckt, zumindest bei mir.

 

Vermutlich sollte ich stolz darauf sein, dass die Katalogisierung der Aufdrucke und Stempel nach der von mir für den Katalog „Zu Werbezwecken verwendete Banknoten des Deutschen Reiches“ (Erschienen schon 1990 und lange vergriffen.) entwickelten und in der Arbeit angewandten Methode erfolgte, doch „seltsamerweise“ fehlt dieser erste Katalog, der sich mit solchen Scheinen befasst hat, im Literaturverzeichnis - vermutlich, damit ich nicht zu stolz bin.

 

Leider fehlen im Verzeichnis auch eine Reihe von Aufsätzen, die sich mit einzelnen Aufdruckscheinen befasst haben und die in den „Numismatischen Beiträgen“ der DDR oder in amerikanischen numismatischen Journalen erschienen sind und sich mit wichtigen Aspekten der Aufdrucke befasst haben. Dass trotz aller Bemühungen immer wieder Druck- und Satzfehler geschehen, ist leider unvermeidlich und jeder Büchermacher erträgt es zähneknirschend. Allerdings sollte man die Texte noch einmal gründlich lesen. Wahrscheinlich wäre dann zum Beispiel aufgefallen, dass der Propagandaminister des Dritten Reiches Joseph Goebbels hieß und nicht „Gobbels“ (Seite 274, oben links).

 

Die Erläuterungen zu den katalogisierten Scheinen sind recht umfangreich, wenn auch an vielen Stellen etwas nichtssagend. Einige der ständigen Textwiederholungen hätte man sich vielleicht schenken können. Dafür fehlen mir an vielen Stellen Querverweise, wenn vom Motiv ähnliche Scheine aufgrund der Ordnungskriterien an weit von einander entfernten Stellen stehen, wie zum Beispiel Scheine mit dem „Neuen Kometen“ oder dem „Sowjetjuden Radeck“.

 

Für überflüssig halte ich nicht nur die vielen Abbildungen des selben Aufdruckes auf unterschiedlichen Banknoten (Siehe „Maria Reichsmark“, 30.1 a - g, siebenmal der selbe Aufdruck!). Da hätte es doch sicher genügt, den Aufdruck einmal abzubilden und die verwendeten Scheine einfach aufzulisten. Ähnliches gilt für Scheine mit leerer Rückseite. Wozu sind die Rückseiten abgebildet? Da hätte man ebenfalls einige Seiten einsparen können.

 

Das alles ist das Ergebnis einer völlig falschen Einstellung zum Thema. Was ist hier denn wichtig? Sind es die verwendeten Banknoten, die im Katalog so akribisch beschrieben und abgebildet werden? Nein! Die Scheine haben die Auftraggeber und die Drucker überhaupt nicht interessiert! Man nahm, was gerade da war oder was man bekommen konnte, Hauptsache, man hatte überhaupt Papier zum Bedrucken, und die riesigen Mengen mittlerweile wertloser Inflationsscheine waren erheblich kostengünstiger zu beschaffen als neues, unbenutztes Papier! Sie passten außerdem oft hervorragend zum Thema der Botschaft, die man mit ihnen transportieren wollte. Wichtig waren den Menschen also einzig und allein die Aufdrucke, Aufkleber und Stempel! Wichtig war die Botschaft, die man seinen Mitmenschen mitteilen wollte!

 

Bedauerlich finde ich, dass in dem Buch nicht auf die ungeheure Flut von gefälschten Aufdrucken eingegangen wird, die schon seit einiger Zeit den Markt überschwemmen und trotz ihrer primitiven, inhaltlich oft fehlerhaften Ausführung immer noch von unbedarften Sammlern für teures Geld erworben werden.

 

Aber nicht nur das! Da werden auch ohne jeden Hinweis Scheine abgebildet, von denen seit langer Zeit vermutet wird, dass es sich um (amerikanische?) Fälschungen handelt. (12.13, 12.14, 14.1, 18.1.a - c) Auffällig sind da vor allem die Scheine mit einem sehr seltsamen, zudem seitenverkehrten Hakenkreuz. Können Sie sich vorstellen, dass Mitglieder der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei derartige Flugblätter verteilt hätten?

 

Alles in allem ist diese Auflistung der Ha-ney´schen Sammlung wegen der ausführlichen Einführung in das Thema eine durchaus interessante Arbeit, aber aufgrund der vielen fehlenden Scheine im zweiten Teil und der - meiner Meinung nach - grundlegend falschen Gewichtung der mitgeteilten Informationen ist sie als Gesamtkatalog kaum zu gebrauchen.

 

 

Hans-Ludwig Grabowski/Wolfgang Haney, „Der Jude nahm uns Silber, Gold und Speck ...“ - Für politische und antisemitische Propaganda genutzte Geldscheine in der Zeit der Weimarer Republik und des Dritten Reiches.

280 Seiten mit Hunderten von meist farbigen Abbildungen, 175x245 mm, Battenberg-Verlag, Regenstauf 2015, ISBN 978-3-86646-122-2, 29,90 Euro