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von Ulf Lehmann

 

Lindman Staudt ZollscheineAls Kai Lindman im August 2016 „Zollscheine der DDR“ in papiergeld (Heft 8) vorstellte, begann für mich erst einmal das große Suchen. Aus der Erinnerung waren mir die Abbildungen so vertraut - doch wo hatte ich meine Belege nur hingesteckt?

Zu den 26 Ausgabestellen kamen im folgenden Heft noch einmal acht hinzu und mittlerweile war auch ich bei mir fündig geworden und meldete brav meine eine (!) Ergänzung. Fast drei Jahre sind seitdem vergangen. Nun fand ich den neuen Katalog von Kai Lindman und Ringo Staudt im Briefkasten. Welch eine Freude!

 

Die Autoren haben die als Zollschein, Pflasterzoll, Geleitbrief oder Ähnliches bezeichneten Eintrittsbelege von historischen Märkten der ehemaligen DDR zusammengestellt und die ihnen bekannten Ausgabestellen sind inzwischen auf 116, zuzüglich einiger Varianten, angestiegen. Das bedeutet fast eine Vervierfachung (!) der bekannten Belege und ich könnte es loben und hier meine Zeilen beenden. Doch der wahre Wert liegt meiner Meinung nach in der Gesamtheit der Scheine, die fast alle farbig abgebildet sind. Es war für mich eine Zeitreise in die DDR. Nicht nur die mal mehr und mal weniger ansprechende Grafik ließ meine Erinnerungen wach werden. Vielmehr erfreute ich mich an den Formulierungen. Fast durchgängig wurden die damaligen Besucher der Feste, wie seinerzeit unter Genossen üblich, geduzt. Mit „Wir begrüßen Euch als Gäste“ und „Der Rat der der Stadt heißt Dich willkommen“ begannen die Texte, in welchen mitunter klare Verhaltensmaßregeln aufgestellt wurden: „Solltest Du aber mit Zorn und Ärgernis kommen und Händel und Streit suchen, so kehre um ...“, „nicht maßlos zu betrinken“, „Er möge aber keinen Unfug treiben“.

 

Auch die Eintrittspreise sind aus heutiger Sicht höchst interessant. Zum einen sind es die verschiedenen Währungsbezeichnungen, wie Groschen, Silbergroschen, Mark und Taler, oder wie bei der Stadt Schwaan gar „1 Drütteldahler orrer`n Markstück orrer 10 Groschen“. Zum anderen sind es die Preise selbst. Diese differieren von 20 Pfennig (Bad Blankenburg 1967) bis zu 5 Mark (Schwedt 1990), wobei Letzteres im September 1990 ja schon DM waren. Die Städte und Gemeinden wetteiferten miteinander in historisierenden Texten und Aufmachungen, mitunter wurde aber auch nachgeahmt (zum Beispiel Walldorf und Wernshausen). Es finden sich auf den Scheinen Wappen, Siegel, Stadtansichten und mittelalterlich gestaltete Urkundentexte. Wer von Ihnen mit Urkunden des Mittelalters vertraut ist, wird sich jedoch des öfteren ein Lächeln nicht verkneifen können.

 

Selbst die (damalige) Jetztzeit kam nicht zu kurz. In Stralsund wurde verbrieft: „Dreieinhalb Jahrzehnte Arbeiter- und Bauern-Macht haben das Antlitz der Stadt zum Wohl der Bürger kolossal verändert“ und in Wilhelm-Pieck-Stadt Guben begann der Geleythbrief mit: „Dank des historischen Sieges der Sowjetunion ueber den Hitlerfaschismus vor 40 Jahren konnten die Arbeiter und Bauern auch unserer Stadt gemeinsam mit allen Buergern Großes vollbringen.“ Genau! Ganz so „groß“ ist die Leistung von Lindman und Staudt wohl nicht, doch haben sie mit ihrem Sammeleifer und Fleiß ein gänzlich neues Sammelgebiet erschlossen. Danke dafür! Ich empfehle den Katalog allen, die sich mit der DDR beschäftigen (wollen); sei es mit Sammeln, im Erinnern oder im Erkennen, wie wir im Osten getickt haben.

 

Kai Lindman/Ringo Staudt: Zollscheine der DDR und ähnliche Belege, Gifhorn 2019, DIN A4, 63 Seiten, komplett farbig, ISBN 978-3-939386-69-8, 22 Euro