Papiergeld.info

von Karl-Christian BoenkeStolp

 

Dieser Beitrag stellt keine Rezension eines Buches über die Notgeldscheine aus Stolp in Pommern dar, kann es alleine schon aus dem Grunde auch nicht sein, weil es von einem polnischen Autor stammt, demzufolge es auch (bisher) nur in dessen Muttersprache publiziert wurde und weil ich leider der polnischen Sprache nicht im geringsten mächtig bin. Zudem ist dem Buch bereits eine Rezension von Dr. Janusz Adam Kujat vorangestellt, die allerdings ebenfalls in polnischer Sprache abgefasst und deshalb für mich nicht verständlich ist. Trotzdem soll hier versucht werden, das eine oder andere Detail, das sich aus den Abbildungen und Tabellen im Buch auch ohne entsprechende Sprachkenntnisse erschließt, zu beleuchten.

 

Das Buch trägt den Titel „Pieniądz zatępczy Słupska 1914 - 1923“ und wurde von Jacek Partyka verfasst, einem Autor und offensichtlichem Sammler deutscher Notgeldscheine zumindest aus Stolp. Das Buch ist in Köslin/Pommern gedruckt und unter der ISBN 978-83-945248-0-7 im Buchhandel zu beziehen. Die zahlreichen Abbildungen sind farbig wiedergegeben, die Merkmale der Scheine sowohl in freier Formulierung als auch in Tabellenform offensichtlich akribisch beschrieben. Ein beachtliches Autoren-, Katalog- und Werkverzeichnis zeugen davon, dass der Autor sich intensiv mit der Materie befasst und gründlich recherchiert haben muss. Insgesamt erweckt das Buch den Eindruck einer Arbeit, die mit viel Fleiß, Akkuratesse und Liebe zum Detail entstanden ist.

 

Dankenswerterweise ist wenigstens der Abschnitt, der über den Autor und seine mit der Entstehung des Buches verbundene Arbeit Auskunft gibt, auch in Deutsch wiedergegeben. Darin berichtet Jacek Partyka, dass er erstmals im Jahre 2010 auf die Notgeldscheinausgaben aus Stolp gestoßen sei; leider berichtet er nicht, wie es dazu gekommen war. Er führt dann die Schwierigkeiten bei der Erarbeitung seines Buches an, beginnend damit, dass er bis dato noch nicht einmal über „solide Grundkenntnisse zu dieser Materie“ verfügte; dann verweist er auf die (für einen polnischen Autor offensichtlich) vielen „schwer zugänglichen“ (naturgemäß deutschsprachigen) Kataloge und Publikationen, in denen jedoch häufig auch Detailinformationen zu den Scheinen wie zum Beispiel den Papiersorten fehlten oder die auch fehlerhafte Angaben enthielten. Nach erster „nach Art und Varianten geordnet[er]“ Sichtung und Sortierung veröffentlichte Partyka dann im Jahre 2014 im mir nicht bekannten „Bulletin Numismatik“ einen ersten Artikel über die Stolper Serienscheine („Bony seryjne miasta Słupska“, in „Biuletyn Numizmatyczny 2014, nr 4 (376), s. 291-302“). Nun folgte das vorliegende Werk.

 

Das Buch ist in vier Abschnitte gegliedert. Im ersten befasst sich der Autor mit der allgemeinen Geschichte der (deutschen) „Notwährung“ von 1914 bis 1924. Darin werden innerhalb der verschiedenen Notgeldscheinperioden von den 1914er Scheinen bis zum wertbeständigen Notgeld 1923/24 nicht nur Notgeldscheine, sondern auch Notmünzen und Briefmarkenkapselgeld angesprochen.

 

Im zweiten Abschnitt werden explizit die Stol-per Notgeldscheine, ausgenommen die Serienscheine, vorgestellt. Dies sind seitens der Stadt die Verkehrsausgaben, die Großgeldscheine von 1918 und 1922, die Inflationsscheine von 1923 und die auf Goldmark ausgestellten wertbeständigen Notgeldscheine. Des weiteren gehören dazu die auf Roggen ausgestellten Sachwertgutscheine der in Stolp ansässigen Landhilfe Pommern Ost G.m.b.H. In diesem Abschnitt führt Partyka dann noch zwei mir bisher nicht bekannte Verrechnungsmarken der „Konsum- u. Spargenossenschaft für Stolp u. Umgebung e.G.m.b.H.“ über 300 Mark und einen Überdruckschein zu 150.000 Mark auf 50 Pfennig an, beide mit Kontrollnummern versehen, jedoch ohne Ausgabedatum und Unterschrift. Diese Marken gehören nicht zum eigentlichen Notgeld, deshalb sind sie wohl bisher auch in keinem der einschlägigen Kataloge erfasst.

 

Der dritte Buchabschnitt befasst sich mit den drei Serienscheinausgaben der Stadt sowie des Kaffeehauses Reinhardt von der Druckfirma Flemming u. Wiskott AG, Glogau. Dabei werden drucktechnische Details vorgestellt, die teils bereits bekannt sind, teils aber auch bisher noch nirgendwo beschrieben wurden.

 

Der letzte Abschnitt enthält Angaben zu ei-ner undatierten städtischen Wertmarke über eine „zweispännige Fuhre Lehm aus der städtischen Lehmgrube“ im Wert von 1 Mark, über eine städtische Schuldverschreibung von 1923 über 20.000 Mark und über einen Wertschein des Winterhilfswerks (WHW) von 1942/43, der auf der bedruckten Rückseite einen Stempelabschlag des Ortsbeauftragten der WHW Ortsgruppe Stolp-West aufweist. Inwieweit diese drei Vorlagen dem Notgeld zuzurechnen sind, erschließt sich mir nicht, doch handelt es sich um durchaus be-merkenswerte Belege aus der Geschichte der Stadt.

 

Es ist auffallend, dass sich in jüngerer Zeit - insbesondere seit dem Zusammenbruch der kommunistischen Regime in den ehemaligen Ostblockstaaten - in Polen vermehrt Sammler finden, die sich unter anderem auch mit den Notgeldscheinausgaben der 1945 von Polen okkupierten deutschen Ostgebiete befassen und die diese nicht nur sammeln, sondern darüber auch publizieren wie zum Beispiel Bogumil Sikorski mit seinem detailreichen Buch über die Schneidemühler Notgeldscheine („Das Ersatzgeld in Schneidemühl“, 1990) und andere. Dass dabei nicht auf die jahrhundertelange deutsche Geschichte der Orte eingegangen wird, wie es der Verfasser dieses Beitrags in seinen in Buchform veröffentlichen Publikationen zu Notgeldscheinen aus Pommern stets hält, ist wohl dem Umstand zuzuschreiben, dass in Polen teilweise immer noch Vorbehalte und Ängste im Hinblick auf eine historisch korrekte Darstellung der Geschichte der ehemaligen deutschen Ostgebiete bestehen (wie übrigens auch in unserem eigenen Lande). So kann man Partykas Publikation auch nicht als ein Werk betrachten, in dem die Notgeldscheinausgaben in die Geschichte des Ortes eingebettet und mit den handelnden Personen verbunden sind, sondern eher als einen äußerst detailreich gestalteten Spezialkatalog.

 

Als Resümee stellt sich mir das vorliegende Werk als ein gelungenes Beispiel einer akribisch aufgearbeiteten Forschungstätigkeit dar, die den bisherigen Kenntnishorizont zu diesem Sujet erweitert hat. Es wäre zu wünschen, dass dieses Buch auch in deutscher Übersetzung erschiene, womit es dann hierzulande sicherlich auch den einen oder anderen Leser (und natürlich auch Käufer) finden könnte.